Der Roman: Der Gefühlsmensch von Javier Marías

Rezension: Der Gefühlsmensch

Regelmäßig treffe ich mich mit  Freundinnen zu einem Literaturgespräch. Abwechselnd macht eine von uns Vorschläge, welche Bücher als nächstes gelesen werden könnten und dann einigen wir uns auf einen dieser Vorschläge. Einzige Regel dabei ist, dass keine von uns das Buch bereits gelesen haben darf. Das ist eine ganz großartige Möglichkeit sich Büchern zu widmen, denen man von allein keine Chance beim Durchstöbern eines Buchladens geben würde. Allerdings birgt dies auch die Gefahr an einen Totalreinfall zu geraten – quasi ein literarisches Überraschungsei.

Diesmal beschlossen wir „Der Gefühlsmensch“ vom spanischen Autor Javier Marías zu lesen (erstmals 1986 erschienen, 2016 vom Fischer Verlag erneut aufgelegt). In diesem knapp 200 Seiten umfassenden Werk geht es um einen Opernsänger, der auf einer seiner Reisen auf die unglücklich verheiratete Natalia und ihren despotischen Ehemann trifft. Der aufgehende Stern am Opernhimmel und die melancholische Natalia verbringen in Madrid viel Zeit miteinander und das  Schicksal nimmt seinen Lauf.

Der Klappentext machte einen spannenden Eindruck und versprach unsterblich Verliebte, Drama und Turbulenzen. Doch um es vorweg zu nehmen, von Turbulenzen habe ich nichts gemerkt, aber auch wirklich gar nichts. Schon während der ersten Seiten wich die anfängliche Leseeuphorie einer alles verschlingenden Langeweile. Selten musste ich mich so sehr durch ein Buch zwingen, doch der Reihe nach…

Laut Nachwort (wer hat die Ironie entdeckt?) des Autors ging es ihm darum, die Liebe zu beschreiben bevor sie eintritt und nachdem sie wieder verschwunden ist. Alles dazwischen wurde bewusst übersprungen. Die Liebe selbst bleibt unsichtbar. Das klingt zunächst nach einem spannenden Konzept, geht aber meiner Meinung nach nicht auf.

Der Gefühlsmensch Doodle

Das liegt unter anderem an der sprachlichen Gestaltung. Der Autor verwendet endlose Sätze, die durch zahlreiche Einschübe zu wahren Monstren heranwachsen und gern über eine halbe Seite einnehmen. Eine ausgefeilte Hypotaxe kann – richtig verwendet – bei mir große Begeisterung hervorrufen, aber bei diesem Werk von Javier Marías löste sie reine Frustration aus. Man muss dem Autor zugute halten, dass er prinzipiell mit Sprache umzugehen weiß. Seine Wortwahl ist an sich elegant und genau, doch erschlägt die Wortflut die zarte Geschichte und begräbt sie gnadenlos unter unerträglichen, sich stetig wiederholenden Beschreibungen der Menschen und Begebenheiten. Ständig schweift der Erzähler vom Thema ab und verliert sich in Geschwafel, so dass ich beim Lesen den Eindruck hatte, nicht von der Stelle und dem Kern der Geschichte kein bisschen näher zu kommen.

Der Hauptcharakter (Der Opernsänger) soll anscheinend durch die aufmerksamen Beobachtungen seiner Umgebung tiefgründig wirken, verfehlt dies aber komplett und wird zu einem ziemlich selbstverliebten, gesichtslosen Weichling, der sich selbst bemitleidet. Generell bleiben alle Figuren des Buches flach. Keinem Charakter kommt man wirklich näher oder kann Sympathie aufbauen. Sie bleiben blasse Klischees, was äußerst schade ist, da die Figuren durchaus Potential hätten, zu komplexen Charakteren zu werden. Das beständige schwimmen an der Oberfläche wird ihnen nicht gerecht und verursacht eine derart niederschmetternde Frustration, dass ich das Werk gern nach dem ersten Drittel abgebrochen hätte. Ich breche fast nie ein Buch ab, doch hier war ich arg in Versuchung. Allein die Verpflichtung unserem Literaturclub gegenüber ließ mich diese endlose Quälerei durchstehen.

Einziger Lichtblick war für mich eine unbehagliche Frühstückssituation zwischen Opernsänger und Ehemann in einem kleinen Hotelzimmer, bei der mich weniger der besprochene Inhalt als viel mehr die skurrile und groteske Atmosphäre des Aufeinandertreffens amüsierte. Sie bewies für mich, dass der Autor eigentlich mehr kann. Vielleicht gebe ich ihm mit einem anderen Werk noch einmal eine Chance.

„Der Gefühlsmensch“ jedoch konnte meine Erwartungen nicht im geringsten erfüllen und lässt mich leer zurück. Schon jetzt kann ich mich kaum an etwas Berührendes aus der Geschichte erinnern und das obwohl ich es gerade erst beendet habe. Nichtssagend und unbedeutend verschwindet dieses Buch in meinem Bücheregal und hinterlässt keine Spuren in mir. Schade.

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