Zeit

Die Sache mit der Zeit

Mein Vater wird sterben. Alle Menschen sterben irgendwann. Doch mein Vater wird bald sterben und er weiß es.

Einige Themen begegnen uns immer wieder, ein Leben lang. Wie kurze Blitze zucken sie in unseren Köpfen auf und bringen unsere Welt ins wanken. Trotzdem weigern sich unsere Gehirne sich zu sehr mit ihnen zu beschäftigen, bis wir dazu gezwungen werden.

Das Älterwerden und Sterben ist ein solches Thema. Ich sehe jeden Morgen in den Spiegel, mache mich fertig für den Tag und beachte mich kaum dabei. Ich putze mir die Zähne und schminke mich, doch könnte ich hinterher nicht sagen, ob mein Gesicht das selbe ist wie am Tag zuvor. Es gibt aber auch Momente, in denen mir ohne ersichtlichen Grund etwas in meinem Gesicht auffällt. Plötzlich sehe ich Fältchen unter meinen Augen, die vor Monaten nicht dort waren, Veränderungen in den Zügen meines Mundes, die mir vorher nicht aufgefallen sind.

Dann stehe ich vor dem Spiegel und denke einen Augenblick über die Zeit nach. Ich breche nicht in Panik aus über das Altern. Ich denke nicht an Schönheitschirurgen oder Faltencremes. Es sind eher Gedankenfetzen, die mir meine Kurzlebigkeit auf diesem Planeten für einen Wimpernschlag bewusst werden lassen. Ein Anflug von Traurigkeit, dass ich vielleicht nicht mehr alles machen kann, was ich machen möchte.

Die Automatismen unseres Lebens verhindern, dass wir allzu viel über den Tod grübeln. Es wäre auch reichlich hinderlich, würden wir den ganzen Tag nur über unser Alter und unsere noch verbleibende Zeit nachdenken. Es würde uns nicht nur enorm viel Zeit kosten, sondern wohl auch zu Depressionen führen ständig den eigenen Tod vor Augen zu haben. Nichtsdestotrotz finde ich es wichtig, sich die eine oder andere Minute zu nehmen und auch über solche Themen zu reflektieren. Sie helfen uns dabei unsere Leben in die Richtung zu lenken, in die wir wollen und die wichtigen von den unwichtigen Dingen zu trennen. Es kann den Anstoß geben, etwas lang aufgeschobenes doch endlich in Angriff zu nehmen.

Mein Vater wird sterben und er weiß es. Er hat Krebs. Die Ärzte können nichts mehr für ihn tun. Das zwingt nicht nur ihn zum Nachdenken über sein Leben und seinen Tod, sondern auch mich. Die Gewissheit nur noch Wochen auf dieser Welt zu weilen, ist erschreckend und grausam. Ich wünsche mir, niemals selbst in dieser Situation sein zu müssen, doch aus meiner Perspektive ist es auch eine Chance. Es zwingt mich, mir Gedanken über mein Leben und mich zu machen. Wer bin ich? Was mache ich hier eigentlich? Wo will ich hin? Wenn ich nur noch Wochen zu leben hätte, wäre ich zufrieden, wer ich auf dieser Welt war? Was würde ich mit der Zeit machen, die mir bleibt? Wer und was wäre mich wichtig in den letzten Tagen?

Ich habe keine Antworten auf diese Fragen und ich glaube, mein Vater hat sie auch nicht. Obwohl er damit gerechnet hat, durch den Krebs gehen zu müssen, hat er sich keine Gedanken darüber machen wollen oder können. Ganz still nimmt er die Zeit, die ihm bleibt, hin. Es gibt keine letzten Heldentaten, keine Flucht ans Meer. Er hat seine Sachen geregelt und wartet. Wartet auf den Tod.

Würde ich das selbe tun? Ich denke nicht.

#diesachemitderzeit

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