Kurzprosa: Kirschen

Kurzprosa: Kirschen

Kirschen waren neben Erdbeeren schon immer mein liebstes Obst. Man muss sie nicht schälen oder an ihnen herumpulen. Sie werden einfach von Baum gepflückt und in den Mund geschoben. Besonders spaßig ist es, wenn die knackigen, roten Kugeln noch an ihren Stängeln hängen. Als Kind habe ich sie mir an die Ohren gehängt und als Erwachsene meinem Freund beim Liebesspiel verführerisch vor die Nase gehalten.

Süßkirschen sind nahezu perfekt. Sie sind süß, saftig, erfrischend, einzig der Kern verhindert ihre Vollkommenheit. Doch selbst der kleine, harte Stein kann meine Liebe zu dieser Frucht nicht mindern. Besser als störende Kernchen ist er allemal. In der richtigen Umgebung kann er sogar unterhaltsam sein, wenn ich an die Kirschkernspuckwettbewerbe meiner Kindheit denke. Wenn ich allein bin, spucke ich sie noch heute mit aller Kraft, die mir Mund und Atem geben, im hohen Bogen durch die Gegend.

Jacob mochte Kirschen noch nie. Das hätte mir gleich zu denken geben sollen. Wenn ein Mensch etwas an einem so perfekten Obst auszusetzen hat, kann das kein gutes Zeichen sein. Sogar mein Shirt mit dem Kirschenmuster hat er mit diesem missbilligenden Blick angesehen, obwohl ich recht objektiv sagen kann, dass ich göttlich darin aussehe. Die roten Punkte lassen mein Gesicht lebendig aussehen und meine Augen strahlen. Blau oder zumindest das Blau meiner Augen ist wie gemacht für diesen Rotton. Jacob scheint das anders zu sehen. Er hat gesagt, nur Schulmädchen tragen Kleidung, auf der Essensmotive zu sehen sind. Bei erwachsenen Frauen sei das albern.

Ich glaube, ich werde ihn eintauschen müssen. Vielleicht gegen einen Obstbauern. Das würde einiges erleichtern. Dann würde ich mit meiner Kleidung quasi Werbung machen können.

Ja, ich mochte Kirschen schon immer, deshalb erinnern mich die beiden roten Tupfen auf meiner weißen Hose auch sofort an sie. Das wundert mich nicht. Es beruhigt mich sogar irgendwie. Das Blut, das von meiner aufgeplatzten Lippe tropft, macht die Zwillingtupfen langsam immer größer. Nur grüne Stiele sind keine da. Aber in ein paar Tagen wird das Gebiet um meinen Mund sicher grün sein, dann stimmt wenigstens das.

Nein, Jacob mag wirklich keine Kirschen. Er weigert sich die roten Flecken, die er meiner Kleidung aufgezwungen hat, anzusehen. Vielleicht mag er Ananas lieber, die würde auch besser zu ihm passen. Morgen tausche ich ihn  ein. Dann kann seine harte, stachelige Schale meine dünne Haut nicht mehr zum Platzen bringen. Ich denke, ich versuche es mal mit einem Pfirsich.

 

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