Mein Pünktchenfahrrad mit Details

Mein Pünktchenfahrrad: Eine up-cycling Geschichte

Alles begann mit meinem Abschluss an der Uni. Ich war verwöhnt von der Möglichkeit mit meinem Semesterticket durch die Stadt zu fahren – egal wann, egal wohin. Mit meinen Prüfungen rückte auch das Ablaufdatum meiner Bewegungsfreiheit in Kartenform näher. Bald würde ich eine preiswerte Alternative zu Bus und Bahn benötigen. Die Lösung war ebenso naheliegend wie simpel – ein Fahrrad musste her.

Die wunderschönen Retroräder für mehrere hundert Euro, die ich im Internet fand, überstiegen mein knappes Budget bei weitem. Es wurde Zeit kreativ zu werden. Weil ich vor Bastelarbeiten aller Art nicht zurückschrecke, dachte ich mir, ich kaufe ein altes Rad und hübsche es mir so auf, wie ich es möchte. Doch auch gebrauchte Räder kosten Geld.

Glücklicherweise hatte mein Vater noch eine uraltes Diamant-Fahrrad aus tiefsten DDR-Zeiten im Keller, das freundlich ausgedrückt, in keinem sehr guten Zustand war. Spinnweben, Staub und Dreck vieler Jahre im feuchten Keller lachten mir entgegen. Die Farbe war an einigen Stellen schon komplett dem Rost gewichen und Licht war nicht mehr aus dem Dynamo zu quetschen. ABER es war kostenlos!

Mein Pünktchenfahrrad vorher
Mein Pünktchenfahrrad vorher

Da alte Diamant-Fahrräder fast unzerstörbar sind, war ich ziemlich sicher, aus dem guten Stück etwas Ansehnliches machen zu können. Außerdem könnte ich mit der körperlichen Aktivität einen Ausgleich zu meiner Schreibtischarbeit während der Prüfungsphase schaffen. Und wie lange könnte es schon dauern ein Rad anzupinseln? Länger als ich dachte, wie ich noch feststellen würde.

Ab an die Arbeit! Schritt eins war einen Plan zu machen und eine Einkaufsliste für den Baumarkt zusammenzustellen – Fahrradständer, Schloss, Fahrradreiniger, Fahrradkettenreiniger, Rostlöser, Metallputzmittel, Metallfarbe, Pinsel und Kettensprühfett – all das machte auf mich keinen sonderlich attraktiven Eindruck. Vor den Regalen im Hellweg stand ich dann wie ein Kaninchen wenn es blitzt. Nach einer gefühlten Ewigkeit des Etikettenlesens hatte ich mich entschieden. Als Hauptfarbe wählte ich ein Blau in Hammerschlagoptik – was sich später als absoluter Glücksgriff herausstellte, da sie nicht nur wunderschön, sondern auch gleichmäßiger und streifenfrei aufzutragen war als die anderen Farben. Der Einkauf kostete mich mit fast 100 Euro doch deutlich mehr als erwartet. Da ich das Rad aber unbedingt in mehreren Farben streichen wollte, war ich bereit den Preis zu zahlen.

Zuhause wurde es dann ernst. Zuerst baute ich alle Teile wie Klingel, Bremsen und Licht ab, um das Rad später besser anstreichen zu können und die kaputten Teile austauschen zu können. Das war einfach. Schrauben lösen, Kabel abwickeln – Check!

Dann folgte das Reinigen. Es war kaum zu glauben, wie viel Dreck sich an ein Fahrrad heften kann. Die komplette Dose Kettenreiniger sprühte ich auf, um das schmierige Fett von Jahrzehnten herunterzukriegen. Mit einem Messer kratze ich die angetrockneten Klebestreifen zum Halten der Lichtkabel ab. Mehrere Durchgänge mit dem Fahrradreiniger lösten die Verkrustungen auf der Oberfläche des Lacks. Um mir die Schrubberei etwas einfacher zu gestalten, schob ich das Fahrrad in mein Badezimmer und stellte es in die Badewanne. Unter der Brause wusch ich die restlichen Schichten Schmutz herunter und freute mich über das saubere Ergebnis. Es folgten Rostreiniger an allen rostigen Stellen und Metallreiniger, um den Lack von öligen Rückständen zu befreien, damit die neue Metallfarbe gut halten konnte.

Mein Pünktchenfahrrad in der Badewanne
Mein Pünktchenfahrrad in der Badewanne

Um ehrlich zu sein, hatte ich während des Geschrubbes schon keine Lust mehr auf die Aktion Fahrrad. Meine Hände taten trotz Handschuhen weh und alles war schmutzig und nass. Hätte mir vorher jemand gesagt, dass ich Stunden für das Herstellen dieses Zustands brauchen würde, hätte ich mir vielleicht lieber ein billiges Baumarktfahrrad gekauft. Aufgeben kam jetzt aber natürlich nicht mehr in Frage und irgendwann war dieser unangenehme Teil endlich geschafft.

Es folgte das viel angenehmere Anstreichen. Nachdem ich die Oberfläche des Lacks noch angeraut hatte, ging es los. Blau als Grundfarbe für den Rahmen, Schwarz für den Gepäckträger und Silber für den Rest gleichmäßig mit dem Pinsel aufgetragen, trocknen lassen. Auch hier hatte ich unterschätzt wie lang der Lack zum Trocknen brauchen würde. Es war frustrierend das Rad nicht endlich fertigstellen zu können sondern immer auf den nächsten Tag warten zu müssen, um weiterarbeiten zu können. Dann zweite Schicht auftragen, trocknen lassen. Auf dem trockenen Lack konnte ich mit Frogtape die Bereiche für die weiße Akzentfarbe abkleben. Da mir gefiel, dass das Fahrrad im Originalzustand weiße, spitze Dreiecke auf dem Rahmen hatte, entschied ich das beizubehalten. Zwei Schichten Farbe auftragen, trocknen lassen. Das Ergebnis sah jetzt schon sehr gut aus, aber für meinen Geschmack fehlte noch etwas. Daher tupfte ich auf die blauen Bereiche weiße Punkte und auf die weißen Bereiche blaue Punkte. Insgesamt brauchte ich eine Woche allein für das Lackieren.

Es folgte eine nervenaufreibende, zeitintensive Installation von Bremsen, Licht, Reflektoren, Fahrradständer, Gepäckträgerkörbchen und Klingel. Letztendlich ließ sich alles bewerkstelligen, doch dauerte auch dies länger als gedacht, da die neuen Teile nicht immer an die Gegebenheiten des alten Fahrrads passten. Abschließend musste die Kette gut geölt und den Reifen Luft verschafft werden. Tadaaa! Es ist ein Rad!

Eigentlich sollte das Projekt Fahrrad ausgleichend zur manchmal sehr frustrierenden Uniarbeit sein… aber es zeigten sich von Beginn an erschreckende Parallelen. Bei beidem musste ich sehr genau arbeiten, mich in Geduld üben und richtig durchbeißen. Irgendwann wollte ich nur noch, dass es endet.

Und obwohl sich die Arbeit am Pünktchenfahrrad  – wie auch an meinem Abschluss – weder als einfach noch als ausgleichend herausgestellt hat, mag ich das Ergebnis sehr. Das Schmuckstück kann sich sehen lassen. Mein Rad sieht aus wie neu, nur besser. Jetzt erkenne ich es schon von Weitem mit seinen freundlichen Pünktchen und radle mit einem Lächeln in den Sonnenuntergang.

Mein Pünktchenfahrrad nachher
Mein Pünktchenfahrrad nachher
Mein Pünktchenfahrrad mit Details
Mein Pünktchenfahrrad mit Details

 

 

 

 

 

 

 

 

#pünktchenfahrrad

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.