Der Roman: Bis nächstes Jahr im Frühling von Hiromi Kawakami

Rezension: Bis nächstes Jahr im Frühling

Vor kurzem war es wieder soweit und mein Literaturclub tagte. Diesmal schaffte es „Bis nächstes Jahr im Frühling“ der japanischen Autorin Hiromi Kawakami auf unsere Leseliste – im Deutschen erstmals 2013 als gebundene Ausgabe, 2014 als Taschenbuch mit 224 Seiten im dtv-Verlag erschienen. Darin geht es um Noyuri, die von der Affäre ihres Ehemanns Takuya erfährt und damit hadert, was aus ihr und ihrer Ehe werden soll. Denn trotz der leidenschaftslosen Beziehung hängt sie doch sehr an ihm.

Viele Autoren entscheiden sich bei solchen Geschichten für spektakuläre Racheakte, tragische Trennungen oder laute Auseinandersetzungen mit eventuell anschließendem Happy End. Nicht Hiromi Kawakami. Die Geschichte um das Ehepaar Noyuri und Takuya scheint ganz im Gegenteil von Stille durchzogen zu sein. Nur äußerst selten führen sie offene Gespräche über die eigenen Gefühle und Bedürfnisse oder erheben ihre Stimmen. Sie leben nebeneinander her und kennen sich kaum. Gesellschaftliche Scham und vererbte Sprachlosigkeit lassen jede Kommunikation zwischen den beiden im Keim ersticken. Die lakonischen Dialoge werden zunehmend unangenehmer, fast unerträglich. Es herrscht diese schmerzhaft sehnsuchtsvolle Atmosphäre, die typisch ist für alle Werke der Autorin.

Leicht entsteht der Eindruck, dass in „Bis nächstes Jahr im Frühling“ eigentlich nichts passiert, doch das Gefühl, an einer entscheidenden Phase in Noyuris Leben teilzuhaben, ist zum Greifen nahe. Äußerlich scheint sie sich nicht zu verändern. Es gibt keinen großen Knall, keine alles erschütternde Aussprache. Trotzdem verändert sich die Welt, scheint sich zu verschieben. Das ist die große Kunst der Bücher Hiromi Kawakamis.

Bis nächstes Jahr im Frühling: Japanische Kirschblüten
Japanische Kirschblüten

Ihre zarten Geschichten sind nie belanglos. In den kleinen Gesten und Taten steckt oft mehr Bedeutung als in lautem Geschrei. So wird aus einer alltäglichen Handlung, wie dem Zubereiten von Rührei, ein poetischer und bedeutender Akt. Ihre Beschreibung ließ mir nicht nur das Wasser im Mund zusammenlaufen, sondern stellt für mich die Veränderung in Noyuri dar. Die Entscheidung, sich nur für sich selbst ein Rührei zuzubereiten ohne an die Bedürfnisse eines anderen Menschen zu denken, kommt fast einem Befreiungsschlag gleich. Sie, die in der Vergangenheit nur dafür existierte, ihrem Mann zu dienen und niemals etwas ablehnen konnte, begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. In der sonst sehr unterkühlten Stimmung des Buches sticht dieses appetitliche, sonnengelbe Rührei als Symbol für die doch vorhandene Lust gleißend hervor.

Der Leser muss weiterlesen, will erfahren was passiert, ohne wirklich zu wissen warum. Leise schlüpfen die Ereignisse vorbei. Hiromi Kawakami versteht es, den Leser mit scheinbarer Leichtigkeit aufzunehmen. Sie zeigt ihm die Wunden der menschlichen Einsamkeit und setzt ihn sanft zum Heilen wieder ab.

Nach diesem Buch bin ich weder traurig, noch geschockt oder anderweitig stark emotional bewegt. Trotzdem setzt sich die entschleunigte Geschichte mit ihrer Unaufgeregtheit in mir fest. Ich habe nicht das Gefühl, die größte Geschichte aller Zeiten gelesen zu haben, aber belanglos ist sie keinesfalls. Durch die Geschichten von Hiromi Kawakami sehe ich die Welt mit anderen Augen. In manchen Augenblicken erkenne ich die Schönheit in einem einfachen Rührei. Die friedliche Ausgeglichenheit, die mich überkam, ließ mich „Bis nächstes Jahr im Frühling“ mit einem sanften Lächeln auf den Lippen zuschlagen.

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