Ausschnitt vom Roman "Der Trafikant" von Robert Seethaler

Rezension: Der Trafikant von Robert Seethaler

Ich gebe es gern zu. Ich habe mich geirrt. Lange habe ich mich gewehrt, etwas von Robert Seethaler zu lesen. Warum genau kann ich nicht sagen. Vielleicht, weil von den Beschreibungen seiner Geschichten immer eine schwere Ernsthaftigkeit auszugehen schien. Eine Langsamkeit, die mich abschreckte, obwohl ich diese bei anderen Autoren als angenehm empfinde. Uninteressante Themen, die um Menschen in einfachen Verhältnissen kreisten… Dachte ich…

Durch meinen Literaturclub kam ich nun nicht mehr um einen Seethaler herum. „Der Trafikant“ erreichte unsere Leseliste. Dieses 250 Seiten umfassende Werk erschien erstmals 2013 im Kein und Aber Verlag. Die Geschichte beschreibt die Erfahrungen eines jungen Mannes (Franz) aus dem sehr ländlichen Salzkammergut, der 1938 nach Wien gehen muss, um in einem Zeitschriftenladen zu arbeiten. Dort findet er einen eigenwilligen Chef, ein noch eigenwilligeres Mädchen und Sigmund Freud.

Mit wenig Begeisterung machte ich mich ans Werk. Doch schon die ersten Seiten des Buches überraschten mich positiv. Dieser Seethaler war nicht im geringsten so wie ich mir einen Seethaler vorgestellt hatte. Die Seiten lasen sich schnell und flüssig. Von Beginn an war ich in der Geschichte und bei den Figuren. Bis zur letzten Seite zogen mich die Ereignisse in ihren Bann.

Besonders beeindruckend fand ich die Stimmung des Buches. Der Autor schafft es von einer leichten, manchmal etwas skurrilen Atmosphäre eines kleinen Dorfes, über die sympathisch naiven Versuche von Franz in Wien sein Glück zu finden, fließend zur Unerträglichkeit des aufstrebenden Nationalsozialismus in Österreich überzuleiten. Mit jeder Seite steigert sich das flaue Gefühl im Bauchraum, wenn man von den Schikanen liest, denen die Figuren dieses Buches ausgesetzt sind. Figuren, die man trotz oder sogar wegen ihrer Eigenheiten schnell lieb gewinnt.Cover vom Roman "Der Trafikant" von Robert Seethaler

Ohne plakative oder brachiale Sprache, die dem Leser etwas aufzwingt, sondern authentisch und ganz nah an seinen Charakteren, beschreibt Seethaler die Ereignisse. Aus der Fiktion entstand in mir immer wieder der Gedanke: „Genau so hätte es sein können.“ Obwohl mir bewusst ist, dass die Geschichte nicht wirklich stattfand, steht sie doch stellvertretend für zu viele Schicksale zu jener Zeit. Ich hatte Angst um die Figuren. Der leise Realismus des Autors, diese wunderbare Authentizität (ein Wort mit dem ich sehr sparsam umgehe, da seine Bedeutung gern überdehnt wird, aber hier bestens passt) schlug in mir eine Seite des Mitgefühls an, wie es selten ein Buch geschafft hat.

Die Ereignisse 2016 offenbarten eine beunruhigende Tendenze der Menschen, sich durch ihre Ängste und Vorurteile leiten zu lassen. Ausgrenzende und verachtende Gedanken erhalten seit dem immer mehr Raum und der Anschein von Normalität entsteht. Daher zeigt „Der Trafikant“ eine erschreckende Aktualität. Damit einher geht die Frage nach der eigenen Ausrichtung, der eigenen Courage, die derzeit wieder gefragt ist.

Auch Franz steht vor solchen Entscheidungen: Sich von der Masse leiten lassen oder für seine Überzeugungen einstehen, aber dafür Freiheit und Leben zu riskieren. Dabei ist der Hauptcharakter keine politische Person, der sich bewusst für oder gegen Widerstand entscheidet. Er tut nur, was für ihn, der in der Einfachheit seiner ländlichen Heimat aufwuchs, das Richtige ist. Genau das macht Franz auf rührende Art nachvollziehbar. Er ist die überrannte Unschuld in einer wahnsinnigen Welt aus Aggression und Gewalt.

Mein Fazit zu „Der Trafikant“: LESEN! Dieses Buch ist großartig erzählt und zeigt ohne triefende Schwere was auch aus Schweigen entstehen kann. Jeder Mensch sollte darüber nachdenken, für was er einstehen will. Dieses Buch kann dafür ein Anstoß sein.

#überraschendfantastisch

„Der Trafikant“ ist unter anderem hier erhältlich:

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